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Samstag, 26. Mai 2012 | 00:23

Diagnose [Kunst]. Die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst.

24.05.2007


Kunst und Schmerz

"Das Leben ohne Kunst wäre ärmer, das Leben ohne Medizin wäre kürzer, beide erscheinen uns unverzichtbar." (Ralf Scherer)

 

Dumm gelaufen: Menschen leben im Durchschnitt immer länger, werden dafür aber auch immer häufiger Opfer von Erkrankungen. Und für die besiegten Seuchen etwa des Mittelalters erschafft sich die Menschheit immer neue Zivilisationskrankheiten.

Dass die Medizin nicht nur ein wachsender Bestandteil unseres alltäglichen Lebens ist, sondern auch der Kunst, verdankt sie aber nicht nur dieser Entwicklung, die sie eigentlich zwangsläufig zum Thema machen müsste. Sondern auch der Tatsache, dass die Medizin immer mehr abbildende bzw. bildhafte Verfahren hervorbringt, die neben der rein medizinisch notwendigen Introspektion, die natürlich ebenfalls für die Kunst interessant ist, auch ästhetische Qualitäten hervorbringt – der Blick in den Körper kann zum ästhetischen, "sinnlichen 'Kick'" werden. Phasenweise erscheint es so, als ob die gesamte diagnostische Sparte der Medizin nichts anderes ist als ein einziges erweitertes Sinnesorgan, das Einblicke in das Verborgene erlaubt: das große gemeinsame Thema von Kunst und Medizin ist die Wahrnehmung.

Der Band ist in die (in der Zuordnung der einzelnen Kunstwerke allerdings nicht immer nachvollziehbaren) Kapitel "1. Medizinischer Akt", "2. Lehre", "3. Bildgebende Verfahren / Porträts", "4. Religion – Medizin", "5. Krankheit" und "6. Biowissenschaften" gegliedert. Ein Anhang mit einer Liste der gezeigten 150 Arbeiten und Kurzbiografien der 57 Künstler/innen rundet den Band ab. Einzig wirklich störend ist das in seiner Zweisprachigkeit für den Leser durcheinander wirkende hin und her aus Deutsch und Englisch in den Bildunterschriften.

Die Aufsätze begleiten die Kunstwerke durchweg erhellend. Einziges Manko ist, dass einige Kunstwerke ausführlich in mehreren Aufsätzen besprochen werden und durch diese Doppelungen, die nicht immer inhaltliche Erweiterungen sind, Raum verloren geht.

Trotz des z.T. tödlichen Ernstes, den das Thema oftmals transportiert, finden einige Künstler durchaus einen makaber-komischen Zugang zum Thema: "Das letzte Abendmahl", dargereicht in Tablettenform (Damien Hirst), oder der ebenfalls aus Tabletten bestehende "Rosenkranz" (Paddy Hartley) sind nur zwei Beispiele. Ansonsten aber fordert die Auseinandersetzung mit der Medizin, mit Joseph Beuys als einem der bekanntesten Protagonisten an der Spitze, eine Ernsthaftigkeit heraus, die auch in der direkten Verbindung von Kunst und Medizin begründet liegen kann. Denn neben den Möglichkeiten, dass 1. ein Mediziner selbst eine künstlerische Ader haben kann, dass 2. das medizinische Handwerkszeug oder die medizinische Abbildung selbst – quasi als objet trouvé – bildkünstlerische Qualitäten aufweisen oder dass 3. ein Kunstwerk (zufällig) eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Einblick in den Körper aufweisen kann (manchmal ist die Ähnlichkeit von sog. abstrakter Kunst und Verknüpfungen im Inneren des menschlichen Körpers ebenso frappant wie diagnostische Aufzeichnungen Parallelen zur abstrakten Kunst aufweisen), so können 4. die Künstler selbst als Fall für die Medizin zur Auseinandersetzung mit ihr gezwungen sein. Hierzu nutzten sie alle erdenklichen künstlerischen Werkformen und medizinischen Diagnoseinstrumente mit z.T. erstaunlich kreativen und sehenswerten Ergebnissen.

Aktuelle Ausstellung: Museum im Kulturspeicher Würzburg, bis 22. Juli 2007.

Von Olaf Selg



Abb.: Mona Hatoum: O. T. (Krücken), 1991-2001.

Burkhard Leismann, Ralf Scherer (Hg.): Diagnose [Kunst]. Die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst. Texte von R. Scherer, Anna Lammers, Susanne Witzgall, Erich Franz). Wienand Verlag. 220 S. mit 132 farb- u. 19 sw-Abb. Dt./ Engl. 38.00 ¤. ISBN 3-87909-902-2.

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